1978 - Die Premiere

Der erste Ironman Triathon der Geschichte markiert die offizielle Geburtsstunde des Triathlon und fand am 18 Februar 1978 auf der Hawaiianischen Hauptinsel Oahu statt. Zuvor hatten sich ein paar verrückte Kerle bei der Siegerehrung einer Laufveranstaltung nach ein paar Bierchen gefragt, welche Ausdauersportler denn die fittesten seien, die Schwimmer, die Läufer, oder vielleicht die Radler? Der Navy Mann John Collins kann sich irgendwie von der Diskussion lösen und kommt mit dem wunderbaren Vorschlag den besten Sportler in einem Wettkampf zu ermitteln, der drei renommierte lokale Wettkämpfe in den Sportarten zu einem zusammenfasst. So entstand aus dem traditionsreichen 2.4 Meilen Waikiki Rough Water Schwimmen, dem 112 Meilen Around Oahu Radrennen und dem Honululu Marathon der erste Ironmanwettkampf.

Gordon HallerImmerhin 15 Männer fanden sich an diesem denkwürdigen Tag am Start ein, und zwöf von ihnen finishten dann auch früher oder später das Rennen. Erster wurde in bemerkenswerten 11:46 Stunden ein gewisser Gordon Haller (Foto). Der erste Ironman war übrigens mitnichten der erste Triathlon. Der erste dokumentierte, kleine Prototriathlon fand am 25. September 1974 in Mission Bay, San Diego statt. Der Event wurde von Don Shanahan und Jack Johnstone ins Leben gerufen und fand mit den Jahren mehr und mehr Freunde. Unter den Startern waren in diesen Zeiten auch Namen, die man später in den Siegerlisten des Ironman Hawaii finden sollte, nämlich die beiden San Diego Locals Tom Warren und Scott Tinley.

1980 - Der Durchbruch
Ein Bericht vom Ironman 1979 in der größten amerikanischen Sportzeitung bringt einen Aufschwung. Der Fernsehsender ABC bekommt die Übertragungsrechte und macht einen erstklassigen Bericht, der dem Ironman zu weltweiter Bekanntheit verhilft. 108 Teilnehmer, darunter 2 Frauen sind am Start. Nicht nur bei der Teilnehmerzahl und dem Medieninteresse, sondern auch bei der Siegerzeit gibt es einen Quantensprung. Der später legendäre Dave Scott tritt auf den Plan und gewinnt in der für damalige Verhältnisse beachtlichen Zeit von 9:24:33. Sein Name wird von nun an fest mit dem Ironman Hawaii verknüpft bleiben. Siegerin wird Robin Beck in 11:21:24.

1981 - Der Umzug
Valery Silk, die neue Renndirektorin entscheidet sich für einen Umzug des Ironman in die heiße, zerklüftete Lavalandschaft der Kona Coast von Big Island. Eine gute Entscheidung, denn man muss bezweifeln, ob sich der Ironman im Verkehrschaos von Oahu zu dem Rennen entwickelt hätte, dass er heute ist. Außerdem mal ehrlich, es geht doch nichts über die ruhigen Abende auf dem Kailua Pier und den Kampf gegen Wind und Hitze auf den unendlichen Geraden auf dem Highway 19. Der Vorjahressieger Dave Scott ist nicht mit von der Partie, aber mittlerweile 326 Starter, darunter Scott Tinley der Dritter wird. Die Olympiaradlegende John Howard gewinnt den ersten Ironman auf Big Island in 9:38:29, Frauensiegerin wird Linda Sweeny mit 12:00:32.

1982 - Das Double
Im Jahr 1982 wird das Rennen auf Oktober verlegt, um bessere Trainingsbedingungen für Athleten aus Europa und Nordamerika zu ermöglichen. Es gibt also zwei Rennen in diesem Jahr. Einen weiteren Meilenstein stellt der Einstieg von Budweiser als Titelsponsor dar - es gibt doch Bier auf Hawaii. Der Ironman wird nun für viele Jahre BudLight Ironman heißen. Das Starterfeld wächst weiter und im Februar starten 580 Athleten. Auch Dave Scott ist wieder dabei, allerdings schafft er es diesmal nicht den Wettkampf für sich zu entscheiden. Der blonde Sonnyboy Scott Tinley hat zusammen mit Tom Warren und ein paar Kumpels zu Hause in San Diego in der Sauna auf dem Ergometer trainiert und ist bestens vorbereitet. Er gewinnt in der neuen Bestzeit von 9:19:41. Sein Bruder Jeff Tinley wird Dritter hinter Dave Scott. Bei den Damen gewinnt Kathleen Mc Cartney vor Julie Moss, die in Führung liegend wenige Meter vor der Finishlinie kollabiert und sich auf allen Vieren über die Ziellinie schleppt. Dank ABC-Berichterstattung ist dieses Spektakel früher oder später auf den Fernsehschirmen der Welt zu sehen, verrückt oder sogar abstoßend für die einen, und faszinierend und Inspiration und Antrieb sich der Herausforderung Triathlon zu stellen für die anderen. Einer dieser Menschen, die kriechende Julie Moss auf ihrem Weg über die Finishlinie bewundern, ist der junge Kalifornier Mark Allen, der von diesem Moment an in Hawaii gewinnen will.

Quelle: 3athlon / 2003; gekürzt

Ergebnisse der drei Besten von 1978 bis 2004

 

Die Triathlongeschichte Deutschlands: 1980-82 Karsten Keßler 12/2007 - 02/2008

Es gibt ja bekanntlich solche zufälligen Ereignisse, die dich dann einfach nie mehr loslassen werden. 1980 stehe ich als junger Kerl im Frammersbacher Freibad und beobachte eine handvoll Leute, die aus heutiger Sicht in ungewohnter Reihenfolge nach 20 km Laufen und 50 km Radfahren noch 1.000 m Schwimmen. Oder es eben versuchen. Jedenfalls standen sie dann sauber im Ziel. Gerade noch war aus den USA über unser Land die „Trimm-Trab“-Welle hergefallen und hatte dabei viele Lauftreffs hinterlassen. Und nun schon wieder was Neues? Oder war es gar nichts? Einfach nur die Spinnerei großer Jungs an einem für sie sonst langweiligen Sonntag Mittag?

Direkter Vorläufer
1981, also genau ein Jahr später, sind die Sportler zur gleichen Zeit wieder im gleichen Schwimmbad und ich bin auch wieder da. Der „Frammersbacher Dreikampf“, direkter Vorläufer der Triathlonszene in Deutschland, war geboren und nun ein richtiger Wettkampf mit Sieger und Besiegten geworden. Ich kann es trotzdem nicht einordnen, was sie machen. Kein Wunder, denn weder gibt es den Begriff „Triathlon“ im deutschen Sprachgebrauch, noch existiert dieser Sport außerhalb meines kleinen Horizonts.

Julie Moss sollte erst im nächsten Jahr in Hawaii recht spektakulär über die Ziellinie krabbeln. Bis Ernst-Peter Berghaus in Essen den 1. Triathlon auf deutschem Boden austrägt, vergehen auch noch ein paar Monate. Und Normann Stadler sitzt im 30 km entfernten Wertheim vielleicht in der Schule und lernt gerade Lesen und Schreiben (bestenfalls). Trotzdem bin ich fasziniert von diesem kleinen Spektakel in meiner Heimatgemeinde. Von dieser Kombination der einfachen Grundsportarten Schwimmen, Radfahren und Laufen. Von Ausdauer, Schnelligkeit, Kraft, Technik, Muskeln, Sehnen, Schweiß und Wadenkrämpfen.

Verwegene Hunde
Es vergeht wieder ein Jahr, aber diesmal gibt es kein Halten mehr für mich und ich bin mitten drin. Zwischen dem Sieger und späteren Deutschen Vizemeister Gerd Amrhein. Zwischen Dr. Joachim Fischer, dem Zahnarzt aus der Nachbargemeinde, der 4 Jahre später zum 1. Präsidenten der dann gerade neu gegründeten DTU gewählt wird (unbestätigten Gerüchte nach an irgendeiner Autobahnraststätte) und vielen, vielen anderen verwegenen Hunden. Ich bin natürlich schlecht vorbereitet und mich trifft mit voller Wucht die ganze Härte eines solchen Ausdauerwettbewerbs (das ist noch heute nicht viel anders).
Es gibt eigentlich nur Aktive, keinen Stab von Organisatoren im Hintergrund, keine Trainer oder Funktionäre, kaum Kommerz. Beinahe jeder, der in diesen Sport involviert ist, macht auch selbst mit und steht an der Startlinie. Beim Laufen tragen manche echte Laufhemdchen mit schmalen Trägern. Das sind scheinbar erfahrene Wettkämpfer aus der bereits Jahre zuvor entstandenen Läuferszene. Ich bin mächtig beeindruckt! Radfahrer erkennt man an ihrem Radtrikot mit breitem Bruststreifen und engen schwarzen Radhosen. Manche haben sogar Aufdrucke drauf, ähnlich den Berufsradfahrern. Unfair! Denn was haben die hier zu suchen? Ich bin Schwimmer und trage meine schmale Vereinsbadehose zur Schau. Hoffentlich beeindrucke ich damit meine Konkurrenten recht ordentlich.

Grüne Wiese
Es gibt noch kein Laktat, kein GA1, keine Triathlontrainer, keinen Puls- und Wattmesser, keine Powergels, keine Energieriegel, kein Koppeltraining, keinen Tri-Lenker und keine Klick-Pedale, keinen Neoprenanzug, keine Mountainbikes, keine DTU und keine ITU, keinen Solarer-Berg und kein Immenstadt, keine Aerolaufräder und keine Radhelme, kein Lanzarote und kein Mallorca, keine Tri-Einteiler und keine Kompressionsstrümpfe (Gott sei Dank!), keine Volksdistanz und keine Liga, keine Schwimmseminare und keine schlauen Internetforen. Auch keinen Balken in Wechselzonen, den man nicht überfahren darf, weil man sonst disqualifiziert wird.

Es gibt nur eine duftige, grüne Wiese auf der wir alle stehen und jeder sich seinen eigenen Weg sucht. Vielmehr suchen muss! Meine Ausrüstung in dieser Zeit entspricht den tatsächlichen Ansprüchen - und keinesfalls mehr: eine Badehose, eine Sporthose (wichtig: mit den 3 Streifen) und Sportschuhe (wichtig: auch mit den 3 Streifen). Als Oberkörperbekleidung dient, wenn es warm ist, ein normales Unterhemd, oder ein T-Shirt für kühlere Temperaturen. Ist es richtig heiß, trage ich oben folglich gar nichts. Ich wundere mich noch heute, wie schnell man mit diesem Equipment sein kann. Wahrscheinlich sorgt eine minimale Ausrüstung gepaart mit Jugendlichkeit für eine beflügelnde Leichtigkeit im Kopf. Heute jedenfalls träume ich davon.

Nutzlose Bierhefe
Meine Sportlernahrung ist entsprechend einfach. Es gibt nur einen kleinen Markt für Nahrungsergänzungsmittel. Die einzigen Zusätze, die ich mir gönne, sind Salztabletten und Bierhefetabletten. Mehr gibt es im Handel auch kaum. Entsprechend schlucke ich beides in wilder Selbstverachtung zunächst in rauhen Mengen, bis ich es vernünftigerweise wieder völlig aufgebe. Denn häßliche Wadenkrämpfe bekomme ich trotzdem in unschöner Regelmäßigkeit und der Sinn von Bierhefe bleibt mir auch verwehrt. Was hätte ich auch sonst nehmen sollen? Die Firma PowerBar gibt es noch nicht und für die Gesundheits- und Pharmaindustrie sind die oftmals askethischen Ausdauersportler noch nicht interessant genug. Und bis wir von der „Isostar“- und „Gatorade“-Welle erfasst werden, dauert es auch noch eine Weile.

Hakende Rennmaschine
Mit meinem Fahrrad der Marke „Puch“, Baujahr 1977, hebe ich mich schon etwas von den anderen Sportlern ab. Ich leihe es mir von dem Freund meiner Schwester, der damit in Frankfurt schon richtige Radrennen gefahren war. Es ist zwar zu klein für mich, hat aber mindestens 10 Gänge, schmale Reifen, die ich mit meiner Handluftpumpe voll aufpumpe und Pedalriemchen, mit denen ich schneller und besser treten kann. Aus Respekt vor der manchmal hakenden und sehr ungenauen Rahmenschaltung, fahre ich hinten meist immer auf dem gleichen Ritzel und schalte nur vorne auf dem Kettenblatt hin und her. Ich bin jung, leicht und kraftvoll und meistere damit im Spessart jede Steigung wie im Flug.

Ahnungslose Experten
Das Training verläuft ebenso zeitgerecht, also geradlinig und direkt. Es gibt nur eine Richtung und die führt nach vorne. So schnell wie möglich oder (und) so weit wie möglich. Ja, was auch sonst?! Trainingseinheiten in der Gruppe können äußerst unangenehm werden, denn in der Regel hat der schnellste Athlet das Sagen und nicht der Pulsmesser, den es ja noch gar nicht gibt. Jeder Sportler ist zugleich sein eigener Trainer, experimentiert, probiert, rätselt, fantasiert und bastelt an sich und seinem Material. Die nötigsten Tipps sprechen sich schnell rum („Mach´ am Anfang nicht so schnell!“), den Rest probiert man einfach aus, erfährt es dann am eigenen Leib und pickt letztendlich hoffentlich das Beste für sich heraus.

Viele Ratschläge von allerlei selbsternannten „Experten“ sind sowieso besser mit Vorsicht zu genießen („Fahre mittags 6 Stunden in der Hitze Rad und trinke nichts!“) und mittlerweile längst verpufft, schicken aber den einen oder anderen von der grünen Wiese auf einen falschen Weg (ich frage mich gelegentlich, wieviele Sportler auf diese Weise verheizt wurden?). Auch das ist heute nicht viel anders, nur mit dem Zusatz, dass man vor lauter Ratschlägen die grüne Wiese u.U. schon gar nicht mehr sieht. Wohl dem, der einen guten Marathonläufer mit wohlüberlegten Ratschlägen in seiner Gruppe hat.

Ein Großteil der Triathleten kommt nämlich direkt aus der Läuferszene mit den aus dieser Zeit noch üblichen hohen Ansprüchen an Umfang und Tempo. Auch einige gute Skilangläufer aus dem Schwarzwald und den Mittelgebirgen mit bereits fantastisch ausgeprägtem Herz-Kreislaufsystem bereichern die blutjunge Szene und schrauben die Ansprüche weiter nach oben. Dazu ein paar Radfahrer und sonstige bunte Vögel, die alles Neue ausprobieren müssen.

Explosives Gemisch
Dieses Gemisch aus ein paar erfahrenen Athleten und unzähligen hungrigen, unbekümmerten Einsteigern, die sich gemeinsam auf der grünen Wiese treffen und mit ihrer teilweise minimalen Ausrüstung, ihrem ungebremsten Idealismus und ihrer einfachen Trainingsmethodik zusammentun, ist höchst fruchtbar. Oder kann es zumindest sein. Und in Deutschland war es da.

 

1983-85

Kühnel, noch immer vom Fieber gepackt, stellt 1984 den Franken-Triathlon in Roth auf die Beine, der in den Folgejahren national Standards setzen wird. Debus, auch noch fiebrig, gründet 1983 den DTV (Deutschen Triathlon Verband), einen der beiden Vorläufer der DTU. Günther Kissler, polarisierender Visionär aus Koblenz, erschafft 1984 den zweiten Vorläufer, den DTrB (Deutscher Triathlon Bund). Kurze Zeit später setzt er tatkräftig seine Idee vom „Olympischen Triathlon“ um. Manche werden sich vielleicht noch mit Schrecken daran erinnern.

Mit Manuel Debus und Detlef Kühnel sitzt 1982 auch der Schweizer Rene Friedli im Flieger. Ihm geht es nicht anders als den beiden Franken, auch er steht daheim unter Tatendrang und schickt am 22. Juli 1983 in Zürich 80 Wagemutige auf die original Ironman-Streckenlänge.

Bunte Baustelle
Namen wie Worms, Schluchsee, Immenstadt und Koblenz sind in der kleinen Triathlonfamilie bereits 1983 ein Begriff. Bei mir ist es zunächst noch anders, denn ich kämpfe ganz mutig im unterfränkischen Hinterland. Ausgerüstet mit Badehose und Schwimmbrille, stehe ich am Frickenhäuser See, in dem ich mehrere Runden schwimmen soll. Kaum einer hat vorher schon einen Triathlon gefinisht. Wir sind ein lustiges Himmelfahrtskommando und dabei mindestens so gespannt wie Erstklässler bei der Einschulung. Wie sollen wir 1 Kilometer Schwimmen, 35 Kilometer Radfahren und 10 Kilometer Laufen überhaupt am Stück schaffen?

Zwar zählt ein fleißiger Helfer die Schwimmrunden mit (offiziell sollen es natürlich 15 Helfer sein), aber letztendlich basiert viel auf Vertrauen. Ich frage mich, wie man 100 wild kreisende Schwimmer auseinander halten will. Wassertemperatur spielt keine Rolle. Wem es zu kalt ist, der bleibt halt einfach draußen und startet nicht. Die Räder haben wir bereits auf die Wiese gelegt oder in der Nähe an einen Baum angelehnt. Eine Wechselzone würde ich vergeblich suchen. Wer sich umziehen will, macht das auf der grünen Wiese (Männer) oder versteckt im Gebüsch (Frauen). Die Situationen beim Wechsel sind nicht selten bedenklich chaotisch. Wir kommen mit respektablen Abständen aus dem Wasser, ich ziehe mein T-Shirt und meinen Sturzring über, schlüpfe in meine Turnschuhe, zurre die Pedalriemchen bis kurz vorm Blutstau fest und rase los.

Auf der Radstrecke bin ich meist alleine. Richtungshinweise sind nur spärlich vorhanden, aber ich habe mir gemerkt, dass es ein Rechtskurs ist und biege somit im Zweifelsfall einfach rechts ab. Überholende Autofahrer verringern ihre Geschwindigkeit, schauen verwirrt zu mir rüber, als ich am Sonntagmorgen mit meiner großen weißen Startnummer auf dem Rücken auf meinem viel zu kleinen Rad einsam über die Straßen heize.

Der Veranstalter hat die geniale Idee, dass er vor dem führenden Läufer herläuft, um ihm die Strecke zu zeigen. Zwar ist er selbst ein begnadeter Läufer und schafft das locker, aber was ist mit den anderen, die später auf der kaum markierten Laufstrecke umherirren? Entsprechend kommen die Athleten dann auch aus allen Himmelsrichtungen durchs Ziel gelaufen. Ich finde irgendwann auch das kleine Ziel am Sportplatz, sprinte durch und freue mich riesig. Es ist ein Abenteuer, ein Chaos. Triathlon ist eine riesige Baustelle. Es gibt Verwirrungen im Ziel. Dann wird halt ein Sieger bestimmt. Es gibt wieder Diskussionen. Wie kann aus diesem ziellosen Durcheinander jemals eine vernünftige Sportart werden? Es macht doch jeder was er will, Veranstalter so wie Teilnehmer.

Deutsche Welle
1982 sprießen in Deutschland erste Veranstaltungen über meist kürzere Strecken aus dem Boden. Ernst-Peter Berghaus als Organisator macht im Essener Grugabad am 26. April 1982 mit 1 Kilometer Schwimmen, 70 Kilometer Radfahren und 10 Kilometer Laufen den Anfang. Ansbach, Edersee, Fischbach, Kassel, Kehl und Gerolstein locken im gleichen Jahr insgesamt 300 Teilnehmer. 1983 verdoppelt sich die Zahl der Veranstaltungen und die der Teilnehmer wird verzehnfacht. Es geht rasant vorwärts. 1984 sollen es gar 50 Rennen sein mit 10.000 Teilnehmern. 1985 werden diese Zahlen nochmals verdoppelt. So ein fulminantes Wachstum wird es nicht wieder geben. Heutige deutsche Klassiker, wie Immenstadt (25. Juni 1983 über 1,5 Kilometer Schwimmen, 120 Kilometer Radfahren und 25 Kilometer Laufen) und Roth (1984), erblicken das Licht der überschaubaren Triathlonwelt.

Vergessene Meister
Die bärtige und schmale Laufrakete Klaus Klaeren wird in Immenstadt 1984 erster Deutscher Triathlonmeister. Bei den Frauen bekommt Hanni Zehender den Meisterpokal überreicht. Ihnen folgen 1985 im Schwarzwald beim legendären Schluchsee-Mitteltriathlon der gelegentlich etwas kopflastige Mathematiker Gerhard Wachter und bei den Frauen die Kölnerin Alexandra Kremer.

1984 wird Klaeren in England Sieger bei den noch inoffiziellen Europameisterschaften, 1985 in Immenstadt hinter dem Holländer Rob Barel Vize-Europameister und Alexandra Europameisterin. Karlheinz Morath, starker Skilangläufer aus dem Schwarzwald, gewinnt 1984 vor der versammelten US-Elite das Langstreckenrennen von Nizza (Bild, erstmals ausgetragen am 20. November 1982 mit 57 Teilnehmern) und wird 13. auf Hawaii. Hannes Blaschke aus dem Allgäu, später hinreichend bekannt als innovativer Kartonverkäufer und noch später als Reiseveranstalter, wird im gleichen Jahr am gleichen Ort 14. und läuft 1985 sogar auf Platz 4 ein.

Jürgen Zäck hängt als junger Kerl bereits in den Startlöchern. Ich treffe ihn („Zack oder Zeck oder so“) erstmals 1985 bei einem Vergleichswettkampf, den er natürlich gewinnt. Er wird für die nationale Elite in den nächsten Jahren derjenige sein, den es zu schlagen gilt. Und ich träume noch heute von so was. Jürgen, komm sofort wieder zurück an die Startlinie!

Ohne Tabu
Die Leistungssprünge von Jahr zu Jahr sind enorm. Die Splitzeiten der Sieger sprechen bereits für sich, die Abstände zu den Platzierten sind allerdings meist groß. Das Material ist i.d.R. noch bescheiden, Einsatz und Trainingsfleiß desto höher. Zwar steckt trainingstechnisch noch vieles in der jungfräulichen Probierphase, wirkt aus heutiger Sicht vielleicht hilflos und naiv. Es ist aber geradlinig, direkt und deshalb eine scharfe Waffe. In meinem Kopf existieren praktisch nur drei Faktoren: Umfang, Intensität und Häufigkeit des Trainings. Dazu braucht es einen Kilometerzähler, das Körpergefühl und eine Strichliste. Mehr ist im Prinzip auch bis heute zum Steuern des Trainings nicht notwendig. Nebenbei wird um so mehr gebastelt und getestet: Hypoxie-Training, Ergometer in der Sauna, Supersauerstoffläufe, Fahren mit starrer Nabe, Intervallorgien und natürlich Skilanglauf, sobald der erste Schnee fällt, usw. …

Es gibt praktisch keine Tabus. Ich höre etwas Neues und probiere es gleich aus. Dabei verlasse ich mich auf mein Körpergefühl und meinen guten Instinkt. Viel mehr habe ich eh nicht zur Verfügung. Lerne immer besser die Signale meines Körpers zu verstehen und horche beim Training intensiv in mich hinein.

Beschäftige mich mit der Psyche, mit Konzentration, Meditation, Entspannung und mentalem Training. Ich werde zum Forscher, mein Körper wird zu meinem besten Freund und zu meinem härtesten Gegner. Diese Phase ist derart intensiv, dass ich wohl nie mehr von diesem Sport loskommen werde.

Schlimme Trainingsgruppe
Überall im Land bilden sich schnell kleine Triathlonhochburgen. Logischerweise da, wo es auch die ersten Wettkämpfe gibt. So z.B. in Gerolstein, Immenstadt, im Schwarzwald, in Roth oder auch bei uns in Frammersbach. Das Niveau in unsere Trainingsgruppe ist 1985 schon sehr hoch. Günter läuft in Frankfurt den Marathon standesgemäss unter 2:30 Stunden. Gerd, ebenso ehrgeizig wie schnell, peilt schon mal die Triathlon-Nationalmannschaft an (gab es 1985 überhaupt schon eine?). Benno und „Günt“, die zwei unverbesserlichen Stenger-Brüder, brechen alle Umfangsrekorde und versuchen sich an „Weltmeisterwochen“, wie sie von unseren amerikanischen Vorbildern Dave Scott und Scott Tinley vortrainiert werden. Dazu natürlich Erwin, unser Apotheker (nein, nicht so einer…) und intellektueller Kopf. Gemeinsam erringen wir zahllose Titel. Wir haben uns und unseren Ehrgeiz, das reicht.

Wie viele Trainingsstunden habe ich eigentlich mit diesen Kerlen verbracht? Wie oft habe ich sie verflucht? Hoffentlich sie mich ebenso oft! Um mich dann gleich mit ihnen für das nächste Training zu verabreden. Mich in endlosen Trainingseinheiten an ihren Waden und Hinterrädern festgebissen? Ich kenne mit der Zeit jeden einzelnen Muskelstrang an ihren Beinen (nur nicht die von Gerd, denn der hatte keine). Ein Glück, wenn man in so eine Gruppe fällt. Es gibt nichts Besseres, als mit einem konkurrierenden, ehrgeizigen Haufen unterwegs zu sein. Triathleten sind von irgendwas besessen, das lerne ich schnell.

Einfaches Material
Mein geliehenes Rad gebe ich 1984 wieder zurück und kaufe mir erstmals ein eigenes Rad (ein „Enik“). Ich gehe in die Vollen und lege unverschämte 800 DM auf den Ladentisch. Mir bleibt lange Zeit das schlechte Gewissen. Dazu ein paar echte Radschuhe, also solche mit einer harten Sohle. Vorher experimentierte ich eine Zeitlang mit meinen uralten Fußballschuhen aus der B-Jugend, an denen ich die Stollen abschraubte. Ich bin dermaßen freudig aufgeregt, dass ich während der ersten Fahrt mit dem neuen Rad nach 200 Meter einem abbremsenden Auto ins Heck krache. Meine Gabel ist verbogen aber zum Glück ist nichts Ernsthaftes passiert, denn einen Helm habe ich immer noch nicht.

Bis 1985 rüste ich mächtig auf. Jedes Jahr kommt neues Material dazu. 1983 meine erste Speedo-Schwimmbrille und 1984 richtige Laufschuhe (natürlich mit 3 Streifen). 1985 ein Neopreananzug mit kurzen Armen und Beinen (das war der billigste) und ein sogenannter „Trott-Helm“. Mit echten Laufschuhen, der Schwimmbrille, dem Neoprenanzug, dem Helm und einem eigenen 800 DM-Rennrad bin ich 1985 endlich auf dem Stand der Zeit. Im Sommer 1985 kaufe ich in Immenstadt gar noch einen Triathlon-Einteiler, die in diesem Jahr richtiggehend Mode werden. Mehr braucht es eigentlich auch nicht, um schnell zu sein.

Ich bin zufrieden und ahne dabei nicht, dass das alles erst der leise Beginn einer gigantischen Materialschlacht ist, die in den nächsten Jahren richtig Fahrt aufnehmen wird.

 

1986-88

Rother Festspiele: Die Jahre 1986, 1987 und 1988 sind stark geprägt von der Dynamik, die sich von Roth aus entwickelt. Konnten wir bisher unsere Stars aus Übersee nur in Hochglanzmagazinen bewundern, ist Scott Tinley 1986 zu Gast in Mittelfranken bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften über 2.5 Kilometer Schwimmen, 100 Kilometer Radfahren und 25 Kilometer Laufen. Er liefert sich bis zu seinem Radsturz mit anschließender Reifenpanne zunächst ein spannendes Duell mit Dirk Aschmoneit („German Rambo“). Tinley, ganz Eisenmann, fährt aber zu Ende und läuft noch bis auf Platz 2 vor.

Aschmoneit, der im gleichen Jahr als erster Deutscher auf der Langstrecke noch unter der magischen 9h-Grenze bleibt, gewinnt die Hitzeschlacht in 4:40 Stunden. Auf dem Rad und beim Laufen natürlich zeitgemäß und zur großen Freude der weiblichen Zuschauer nur mit neckischer Badehose bekleidet.

Spätestens hier in Roth geht auch der nationale Stern des jungen Jürgen Zäck auf. Zwischenzeitlich führt er, wird dann zwar „nur“ Vierter und kann die vor ihm liegenden Deutschen Aschmoneit, Rupp und Wachter noch nicht aufhalten. Sein ebenso leichtfüßiger wie schneller Ritt auf dem Rad lassen aber einiges für die Zukunft erhoffen. Bei den Frauen siegt wieder mal Alexandra Kremer, die nur 28 Minuten hinter Aschmoneit durchs Ziel läuft und national nach wie vor keine Konkurrenz zu fürchten hat.

1987 geht Detlef Kühnel als Organisator noch einen Schritt weiter und richtet die Europameisterschaften über 2 Kilometer Schwimmen, 92 Kilometer Radfahren und 20 Kilometer Laufen aus. Das schmucke Städtchen Roth erwacht jetzt endgültig! Weit über 50.000 Zuschauer stehen entlang der Strecken, feuern an und besorgen uns zurückhaltenden Triathleten eine ungewöhnliche Party. Ich wundere mich mehrmals, wo denn diese Zuschauermassen nur herkommen. Entlang der Laufstrecke werden auf einer Länge von 8 Kilometer Lautsprecher aufgebaut, die Zwischenstände übermitteln. Über den Rhein-Main-Donau-Kanal baut das Technische Hilfswerk in 600 Arbeitsstunden für die Zuschauer einen Steg. Die schnurgerade Schwimmstrecke, das leicht kupierte Gelände des Landkreises, die Begeisterung der Zuschauer und die perfekte Organisation sind beste Voraussetzungen für spannende und sehr schnelle Wettkämpfe. Der Brite Glenn Cook bringt erstmals den so genannten „Scott-Lenker“ mit auf den Kontinent. Das schlägt ein, er gewinnt souverän in unter 4 Stunden und Zäck läuft auf Platz 3.

Im gleichen Jahr lerne ich das geniale Rother System der Gastfamilien kennen. Zusammen mit einem jungen Australier (der große Bruder von Macca?) verbringe ich ein paar Tage am Rande von Roth in einer höchst freundlichen Familie. Neben einem bunt gedeckten Frühstückstisch, einem großen Gästezimmer und der netten Familie, erwartet uns tagtäglich der Besuch diverser Pizzerien und Eisdielen. Wir, „die Triathleten“, diese exotischen Ausdauersportler, sind in Roth der Hit des Sommers. Als dann auch noch kurz vor dem Wettkampf mehr oder weniger zufällig ein Bild von mir in der Lokalzeitung auftaucht, steigt mein Wert auf der Schwiegersohnbeliebtheitsskala in kaum mehr beschreibbare Dimensionen.

1988 bin ich erstmals nur als Zuschauer an der Strecke. Trotz mittlerweile mehreren Trainings- und Wettkampfjahren sind mir 3.8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen mindestens noch eine Nummer zu groß. Nicht zuletzt auch wegen 105 DM Startgeld, das für die Teilnahme beim erstmalig ausgetragenen „Ironman Europe“ verlangt wird. Dafür starte ich doch lieber bei ein paar Kurztriathlons und kann dabei auch noch auf Sach- oder gar Geldpreise schielen. Der Holländer Axel Koenders gewinnt in 8:13 Stunden vor Aschmoneit (8:24 Stunden). Bei den Frauen trägt sich Rita Keitmann in die Siegerliste ein (10:07 Stunden).

Mein Freund Benno ist auf der Strecke und irgendwo am Kanal gegen Ende der Laufstrecke begleite ich ihn auf 10 Kilometern (niemand kümmert das). Er ist noch gut drauf und teilweise läuft er den Kilometer in weit unter 5 Minuten. Etwas weiter hinten finde ich Günter, unseren 2:30h-Marathonmann. Er steht abwesend wirkend am Kanal, schaut in die falsche Richtung und versucht Wasser zu lassen. Ich zerre ihn wieder hoch auf die Laufstrecke, erkläre ihm kurz noch mal den richtigen den Weg („Laufe einfach gerade aus!“) und schiebe ihn an. Auch er erreicht in einer tollen Zeit das Ziel.

Damit hat Roth schon bis 1988 Wettkämpfe über 0.5-20-5, 1.0-40-10, 1.5-60-15, 2-92-20 und nun 3.8-180-40 ausgetragen. Angefangen mit den Bayerischen Meisterschaften (1985), dann den Deutschen (1986) und Europameisterschaften (1987), setzt Roth mit der Austragung des Ironman Europe (1988) erneut Maßstäbe und ist zunächst für 6 Jahre Qualifikationsrennen für Hawaii. Neben ersten Anzeichen eines gewissen Gigantismus (> 100 DM Startgeld, aufkommende „Ironman“-Hysterie), vergisst Detlef Kühnel aber nicht die unmittelbaren Probleme der kleinen Leute: als in einem Jahr mein Neopreananzug nach dem Rennen verloren geht, kümmert er sich selbst darum und überreicht ihn mir bei der Siegerehrung. Kleine Gesten mit großer Wirkung.

Eindimensionaler Verstand

Manche Dinge werden im Laufe der Zeit scheinbar komplizierter. Indem ich nun endlich weiß, was ich bin, nämlich ein „Triathlet“, hebe ich mich von dem gemeinen Schwimmer, Radfahrer und Läufer natürlich ab. Das schlägt sich auch im Training nieder. Es reicht nicht mehr, dass ich im Schwimmverein mitschwimme, am Wochenende zum Radverein gehe oder zum Laufen beim Lauftreff vorbeischaue. Die ersten Triathlon-Trainingsbücher erscheinen, ebenso wie allerlei Fachbeiträge in Fachmagazinen. Ich lasse folglich mein Herz vermessen und meine Lunge. Auf dem Ergometer dreht es mir die Augen aus dem Kopf, auf dem Laufband laufe ich im Laktatnebel um mein Leben. Ich studiere Zahlen, Kurven, Diagramme. Überlege nun plötzlich, wann ich was esse und wann nicht. Ich sauge alles Wissen in mich auf und befolge minutiös irgendwelche anonymen Trainingsvorgaben.

Die Vorgaben empfehlen meist nur abstrakte Umfänge, eventuelle Geschwindigkeitsangaben beziehen sich halt auf den Schreiber (im schlimmsten Falls will er damit noch zeigen, was für ein toller Hecht er ist) und wenn ich sie abtrainiere, bin ich folglich entweder zu schnell oder zu langsam. Das gleiche Spiel ist es mit dem Puls: berghoch muss ich fast stehen bleiben, bergab komme ich nicht hinterher und überhaupt komme ich mit den Pulsvorgaben als ausgesprochener Langhuber am wenigsten zurecht. Alles ist sozusagen hartverdrahtet, starr, einsilbig, kaum allgemein verträglich und nicht vergleichbar mit heutigen Empfehlungen. Trainiere ich aber intuitiv und spontan aus dem Bauch heraus, so wie ich es gewöhnt bin, mache ich die größten Fortschritte. Versuche ich dann wieder mit meinem (bewussten) Verstand an die Sache zu gehen, fahre ich regelmäßig gegen die Wand.

Erst mehrere Jahre später wird es mir klar: Verstand und Gefühl sind sehr eng miteinander verbunden, das Denken lässt sich nicht vom Fühlen trennen. Will ich also nur meinen Verstand einsetzen („Es ist Frühling, also muss ich eine lange Radtour machen.“), bediene ich damit nur eine Dimension, bestenfalls vielleicht zwei. Verlasse ich mich auf mein Gefühl, bekomme ich ein mehrdimensionales Ergebnis, das mein Unterbewusstsein wie eine Rechenmaschine für mich ausspuckt, noch ehe mein Verstand einsetzt. Diese interne Rechenmaschine wurde und wird im Laufe der Zeit durch zahllose Trainingseinheiten gefüttert, ebenso beim Lesen von Büchern, Gesprächen, Zuhören, studieren von Zahlen und Kurven. Mein Gefühl ist im Grunde kein Gefühl, sondern das Ergebnis dieser unterbewußten Rechnungen. Wohingegen mein Verstand nur Eindimensionales hervorbringt. Die Frage, ob ich nach Gefühl oder Plan trainieren soll, stellt sich nicht mehr. Denn mein Gefühl trägt im Grunde auch einen logischen Plan mit sich, einen mehrdimensionalen sogar, den ich mit meinem eindimensionalen Verstand gar nicht erfassen kann.

Gigantische Materialschlacht

Wie erwähnt erscheint 1987 der Brite Glenn Cook erstmals auf dem europäischen Festland und gewinnt die Europameisterschaften in Roth. Welch ein Auftritt, als er auf seinem „Scott-Lenker“ liegend über die Radstrecke donnert! Alle anderen sehen wahrlich alt aus. Die Triathlon-Szene ist schon längst von einer immer währenden Unruhe gepackt. 1984 bringt die französische Firma LOOK das erste Klickpedal auf den Markt. Ein Jahr später gewinnt Bernard Hinault damit die Tour de France. 1986 ist das Pedal bei den Triathleten angekommen, viel schneller als bei den konservativen Radfahrern. Triathleten saugen gerne alles ungefiltert in sich auf.

Auch auf dem Markt der Neoprenanzüge tut sich vieles. Zunächst mit kurzen Armen und kurzen Beinen ausgestattet, setzen sich lange Beine durch. Danach lange Arme und insgesamt dickeres Material. Das Material wird nicht nur dicker, es wird auch schneller. Sportgerechte Funktionskleidung, anfangs noch sehr teuer, setzt sich auf breiter Basis durch. Neben dem Scott-Lenker wird auf schnellen Strecken das Scheibenrad zur Pflicht. Herkömmliche Speichenräder werden durch immer weniger Speichen ersetzt. Es ist ein ständiges Aufrüsten. Adidas bringt mit dem „Torsion“ auch eine kleine Revolution auf den Laufschuhmarkt. Kaum ein Monat vergeht ohne Neuerungen, es ist die Zeit des permanenten um- und aufrüsten von Material und Ausrüstung.

Fast noch beunruhigender und im krassen Gegensatz zur heutigen Zeit, kommen zudem viele Entwicklungen aus den Reihen der Athleten selbst. Verbindungen und Rohre werden an die Lenker geschraubt, Schaltungen und Bremsen ummontiert, Sattelstützen verbogen, Kettenblätter angebohrt, Neoprenanzüge ausgepolstert, Laufschuhe ausgehöhlt und viele legale und illegale Dinge mehr. Die Ausstattung ist noch nicht vom Kommerz vereinheitlicht und weist zum Teil große Unterschiede aus.

Nationale Sauberkeit

Dr. Joachim Fischer, unser Zahnarzt aus der Nachbargemeinde und bei jedem Triathlon auch selbst am Start, wird 1987 nicht mehr als DTU-Präsident wiedergewählt. Vorbei also die Zeiten, wo man neueste Informationen auf seinem Behandlungsstuhl oder bei Trainingsläufen erfährt. Stattdessen repräsentiert der noch unbekannte und meist aufgeräumt wirkende Hanauer Dr. Martin Engelhardt die Spitze der DTU. Die bunten Anfangsjahre auf der duftenden Wiese neigen sich langsam dem Ende zu und weichen allmählich einem umzäunten Bolzplatz. Auf unserem großen Abenteuerspielplatz „Triathlon“ nehmen Bürokraten Einfluss und erfinden Dinge von enormer Wichtigkeit: Oberkörperbekleidung und Balken, die man in Wechselzonen nicht überfahren darf. Vorschriftsmäßig mit 4 Nadeln anzubringende Startnummern. Zelte, in denen man sich umzuziehen hat und fixe Zeiten, in denen man sein Fahrrad abgeben muss und abholen darf. Ab wann man wie lange bei welcher Wassertemperatur schwimmen darf und wann nicht. Freigeister, Abenteurer und „Typen“ unter uns Triathleten tun sich damit etwas schwer. Können wir bald keine Entscheidung mehr fällen, ohne uns vorher genau zu überlegen, dass wir auch regelkonform handeln?

An wichtige und brennende Dinge, wie die Windschattenproblematik, wird stiefmütterlich und halbherzig herangegangen. Vielleicht hätte ich doch mehr Luftpumpen schleudern sollen, anstatt darauf zu achten, dass meine Starnummer korrekt und bloß nicht geknickt am Rücken klebt?

Neben diesem ersten Krebsgeschwür, dem Windschattenfahren, bildet sich ein weiteres bösartiges Geschwür heran. 1988 wird Scott Molina, der glorreiche Sieger von Hawaii, positiv auf Anabole Steroide getestet (spätere Gegenanalyse auch positiv). Der Test wird nach dem Nizza-Triathlon durchgeführt und Insider des amerikanischen Triathlonsport gehen davon aus, dass bei einem überraschenden Doping-Test aller Teilnehmer Scott Molina nicht der einzige Athlet wäre, bei dem ein positiver Befund festgestellt würde. In den USA (ergo Hawaii) gibt es bisher keine Doping-Politik, jegliche Tests sind auf freiwilliger bzw. „anonymer“ Basis. Auch hier steht man am Anfang.

Freilich, die grundlegende und primäre Stoßrichtung aller Anstrengungen der nationalen DTU ist natürlich klar und wichtig für unseren aufstrebenden Sport: Hier in Deutschland ist an eine Finanzierung des Triathlonsports über Sponsoren (so wie z.B. in den USA) gar nicht zu denken. Also muss man sich die nötige Unterstützung vom Deutschen Sportbund holen. Und um dort überhaupt anerkannt zu werden, braucht man entsprechende Reglements, die dem Triathlon eine einheitliche Richtlinie geben und die ständig steigende Zahl der Teilnehmer in geordnete Bahnen lenkt.

Beginnende Teilung

Entscheiden anfangs noch nacktes Talent und schlaue Taktik über Sieg und Niederlage, kommen im Laufe der Zeit verstärkt Trainingseifer und -ausdauer als entscheidende Faktoren hinzu und übernehmen letztendlich die tragende Rolle: auch der Talentierteste kann auf Dauer nicht die Trainingsumfänge des fleißigen Arbeiters kompensieren. Im gehobenen Amateurbereich werden mittlerweile wöchentlich schon Umfänge von 15 Kilometer Schwimmen, 400 Kilometer Radfahren und 60 Kilometer Laufen trainiert. Der Trainingsvorsprung der Triathleten aus den USA, der einfach auf einen früheren Beginn des dortigen Triathlonsports zurückzuführen ist, wird von den europäischen Spitzentriathleten Jahr für Jahr verkleinert.

Um 1988 bei den Männern auf den Strecken 1.5-40-10 mit vorne zu sein, sind Zeiten von ca. 18 Minuten Schwimmen, 1 Stunde Radfahren (natürlich windschattenfrei) und 35 Minuten Laufen nötig. Frauen liegen mindestens 10 % dahinter bei deutlich weniger Konkurrenz. Eine leichte Schwäche (20-21 Minuten) beim relativ kurzen Schwimmteil setzt bereits eine äußerst starke Rad- und/oder Laufleistung voraus. Die besten Einzelzeiten liegen auf schnellen Strecken bei ca. 16:30 Minuten, 56-58 Minuten und 32-33 Minuten. Es geht also recht ordentlich vorwärts.

Noch etwas ruhiger sieht es bei den Frauen aus. Simone Mortier hat Alexandra Kremer abgelöst und wird 1988 gleich zweimal Deutsche Meisterin (Kurz- und Mittelstrecke). Dafür erhält sie von ihren Sponsoren lediglich Materialien, aber kein Geld. Nach eigenen Angaben hat es bis 1988 zu maximal 300 DM Siegprämien gereicht. Bei den Deutschen Mittelstreckenmeisterschaften 1988 in Ettlingen sind lediglich 11 weibliche Starterinnen in der Startliste eingetragen. (Ich sah Simone im vergangenen Jahr bei einem kleinen Triathlon in der Nähe von Ulm und dachte mir dabei, dass es schon an Unverschämtheit grenzt, wie manche Menschen ihr Wettkampfgewicht über Jahrzehnte behalten).

Ich selbst stehe irgendwo zwischen Schule, Ausbildung und Beruf und frage mich langsam ernsthaft, wie ich den steigenden Ansprüchen an Training und materiellen Kosten standhalten soll. Freue ich mich über eine Woche Training an der italienischen Adria, fliegen meine Konkurrenten gleich mal 2 Wochen nach Mallorca. Habe ich nun endlich einen eigenen Scott-Lenker montiert, tauchen im nächsten Jahr schon wieder neuere Modelle auf. Auch die Freude über meinen ersten Langarm-Neoprenanzug hält nicht lang an, denn schon gibt es erste brandheiße Importe aus den USA. Es ist schier zum Verzweifeln für mich. Große Entwicklungssprünge in immer kürzeren Zeiten und ich sehe staunend zu. Das Aushängeschild unseres Vereins und mittlerweile Mitglied der Nationalmannschaft, Gerd Amrhein, schwimmt nach eigenen Angaben je nach Trainingsphase 30 Kilometer, fährt 600-900 Kilometer Rad und läuft 80 Kilometer - pro Woche und als Kurzstreckenspezialist. Gigantische Umfänge, die zugleich zeigen, wie hoch die Latte in nur wenigen Jahren gehängt wurde.

Wie kann man damit umgehen? Auf der einen Seite der eigene Ehrgeiz und die persönlichen Ziele, die einen als Athleten nicht ruhen lassen. Auf der anderen Seite die ständig steigenden zeitlichen Anforderungen und materiellen Aufwendungen, um „up to date“ zu sein. Welcher Weg ist zu gehen?

 


Kuscheln war einmal Martin Henkel 10/2008

Die Kapitalisierung des Triathlons schreitet voran. Der Ironman Hawaii ist nun im Besitz einer Investmentfirma

KAILUA-KONA. Vielleicht ist es das Alter gewesen. 72 Jahre ist Dr. Jim Gills alt, Augenarzt aus Tarpon Spring, Florida, ein Spezialist seiner Zunft. Gut möglich auch, dass Dr. Jim Gills einfach keine Zeit mehr fand. Der mehrfache Millionär hat allein im vergangenen Jahr drei Patente angemeldet und erneut ein Buch auf den Markt gebracht, es ist bereits sein 27. In der ersten Septemberwoche hat Dr. Jim Gill sich jedenfalls entschlossen, nach 19 Jahren Besitz sein Unternehmen, die "World Triathlon Corporation", kurz WTC, an die World Endurance Equity, ein Tochterunternehmen der Investmentfirma Providence Equity Partners (PNP) zu verkaufen. Er hat bis dato nicht gesagt, warum. Auch nicht, wie viel es eingebracht hat.

In Kailua-Kona, bis Sonnabend Treffpunkt von 1 800 Athleten des Ironman Hawaii, dem Abschlussrennen der Saison und härtesten Langdistanztriathlons der Welt, ist dieser Deal neben den zeitlosen Fragen nach Schwimmanzug, Sattelstärke und Schuhsohlenkonsistenz, das Thema der Woche. Der WTC gehört der Ironman und Dr. Jim Gill, selbst fünfmal am Start, war seit 1989 so etwas wie ihr Patriarch.

Noch vermag von den Eisenmännern und -frauen niemand genau zu sagen, was die neuen Besitzverhältnisse für den Ironman Hawaii und die angeschlossenen 53 Ironman- sowie die sogenannten 70.3-Rennen über die halbe Distanz bedeuten. Eines aber wissen bereits alle: Der Verkauf bedeutet eine Zäsur, die Professionalisierung einer Sportart, die bis dato vorwiegend von Amateuren betrieben wird.

Allein der Umstand, dass die PNP fremdes Geld verwaltet und somit Rendite-orientiert operiert, deutet darauf hin, dass die Tage der kuschelnden Gemeinde, die pro Person 450 Dollar Antrittsprämie an die WTC zahlt und deren Sieger jeweils 100 000 Dollar ausgezahlt bekommen, gezählt sind. Und es zeigt, dass die großen Kapitalgesellschaften den Markt des Ausdauersports als Investmentfeld für sich entdeckt haben.

Kauffreudiger Kundenkreis

Bei keinem Volkssport mit angeschlossenem Profibereich liegt zurzeit derart viel Potenzial brach. Allein in den USA, dem Mutterland aller Langdistanzen (Marathon, Triathlon olympische Distanz, Ironman und 70.3) gibt es offiziell 300 000 Triathleten und eine schnell anwachsende Schar an Amateuren und Freizeitsportlern. Zusammen bilden sie einen kauffreudigen wie auch kaufkräftigen Kundenkreis. Zwischen 2000 und 2005 wuchs etwa in den USA der Absatz von Sportgetränken und Powerfood um 48 Prozent auf einen Jahresumsatz von insgesamt 6,1 Milliarden Dollar.

Doch nicht nur PNP hat die Ressourcen aufgespürt. Bereits im Januar stieg die Falconhead Capital Inc. in den Markt ein. Sie gründete die "Competitor Group Inc." (CGI), kaufte den größten Veranstalter von Ausdauersportveranstaltungen in den USA, Elite Racing, auf, verleibte sich das weltweit größte Triathlon-Magazin der Welt "Triathlete" ein und erwarb den führenden Verlag für publizistische Triathlon- und Radsport-Titel "Inside Communications".

Das so entstandene Konglomerat gibt CGI die Möglichkeit, Inhalt (Rennen) und übermittelndes Medium (Magazin) unter einem Dach zu verschmelzen. Mit einer ähnlichen Strategie ist auch die PNP mit ihrer Portfolio-Firma World Endurance in das Rennen um die Inbesitznahme noch nicht ausgebeuteter Claims auf dem Feld des Ausdauersports gegangen. PNP, die seit ihrer Gründung im Jahre 1989 sieben Fonds aufgelegt hat und bei über 100 Beteiligungen ein Volumen von rund 21 Milliarden Dollar verwaltet, verfügt über zahlreiche sogenannte "Tubes" (Kanäle), um Rennen und Medien ebenfalls synergetisch zu verquicken.

Sie ist etwa am spanischsprachigen TV-Sender Univision beteiligt, an Kabel Deutschland, an der Warner Music Group und an MGM. Im vergangenen Jahr erwarb sie für 100 Millionen Euro zehn Prozent Beteiligung an Hulu.com, einer Internet-Seite, die kostenlos TV-Inhalte ausstrahlt. Hulu.com wurde 2006 vom Medienkonglomerat News Corporation (Rubert Murdoch) und von NBC erworben, das US-amerikanische TV-Netzwerk überträgt wiederum über seinen gleichnamigen TV-Sender den Ironman.

Dessen Gemeinde, voran die Eindrittel-Gruppe der Profiathleten, ahnt auf Hawaii bereits, was der Einstieg von PNP bedeutet. Das deutsche Triathlonteam "Dresdner Kleinwort" um den zweifachen Ironmansieger Normann Stadler (2004 und 2006) beispielsweise fühlt sich bestätigt, dass die Gründung eines Profiteams im von Individualisten geprägten Triathlonsport längst überfällig gewesen ist. 2006 ersannen Stadler und sein damaliger Sponsor, die Investment-Bank-Sparte der Dresdner Bank AG, die Dresdner Kleinwort, den Plan, ein Profiteam zu gründen. Es ist das erste seiner Art, eine teamgewordene Vision, ein Prototyp, der PNP und Falconhead als Beispiel dienen kann, wie man die Unzulänglichkeiten des Sports beseitigt, möglicherweise, wie man das sensible Geschäft an den Straßenrändern der Langdistanzen vor der mit Abstand größten Seuche des Profisports schützen kann: dem Doping. So zumindest preisen es die Initiatoren. Man könnte es allerdings - mit Blick auf den Radsport und dessen Firmenteams - auch genau anders herum sehen.

Sieben Athleten umfasst die Dresdner Kleinwort-Equipe. Sie zahlt Jahresgehälter, um die Athleten vor zu vielen, kraftraubenden Prämien-Tingeltouren zu den Ironman-Events zu bewahren. Sie nimmt den Athleten sämtliche Logistik ab, sie stellt ihnen Trainer zur Verfügung und sie hat ein rigides Antidopingprogramm aufgelegt. Entwickelt hat es im Auftrag der Dresdner Kleinwort die Juristin und frühere Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer Sylvia Schenk in Zusammenarbeit mit der Deutschen Nationalen Antidopingbehörde Nada und der Deutschen Triathlon Union (DTU). Die unabhängigen Kontrolleure können testen, wann und wo sie wollen. Der Sponsor wendet dafür 600 000 Euro auf.

Dass Doping dadurch nicht ausgeschlossen ist, zeigt der Fall des Radprofis Stefan Schumacher, der im Foyer des Radsports den Antidopingkampf entfachte und im Hinterzimmer das angeblich unsichtbare Epo-Präparat Micera applizierte. Diesen Fall auszuschließen, dafür behält Kleinwort einen Teil des Gehaltes ein und sich selbst vor, die eingefrorenen Proben bis drei Jahre nach Vertragsende 2011 auf Doping untersuchen zu lassen. Erst wenn auch diese negativ seien, sagt Schenk, "werden die Gehälter ausgezahlt". Falls nicht, drohen dem Athleten empfindliche Schadensersatzzahlungen, die laut Aussage des Managers der Teamleitungsagentur MMH, Jan Wendt, "drakonisch sind. Dann ist der Athlet finanziell auf Null gestellt."

Verlockende Aussicht auf Gewinne

Ob die Proben tatsächlich geöffnet werden und ein positiver Fall dann auch veröffentlicht wird, gehört zu den Unwägbarkeiten der Branche. Daneben könnte die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank eventuell eine vorzeitige Vertragsauflösung zur Folge haben. Die Commerzbank hat angekündigt, die Investmentaktivitäten der Dresdner Kleinwort auf den Prüfstand stellen zu wollen.

Die Professionalisierung des Ironman wird dies nicht aufhalten. Zu groß ist dafür bereits der Markt und zu verlockend die Aussichten auf Gewinne. Letztlich hat wohl dieser Umstand für Dr. Jim Gill den Ausschlag gegeben, zu verkaufen: Das Ganze ist ihm schlichtweg über den Kopf gewachsen. In der dürren Pressemitteilung stand, ein wenig verklausuliert: "Die World Triathlon Corporation hat eine Größe erreicht, die einen Verkauf an PNP durchführbar gemacht hat."